Der sogenannte Skandal um Facebook geht zurzeit durch die Medien. Allerdings ist dieser angebliche „Datenklau“ frei erfunden oder zumindest kein Diebstahl, sondern eine Schenkung. Warum es dennoch so heiß gekocht wird, obwohl es allenfalls lauwarmer Brei ist, erörtert dieser Artikel.

Eine Reihe von Schlagworten und Überschriften beherrschen unser Denken rund um diesen angeblichen Datenskandal. Das ist mehr als befremdlich und vor allem auf (bewusst oder unbewusst) wenig professionelle Recherche zurückzuführen. Die sich hierbei ergebenden Missverständnisse möchten wir im Folgenden aufklären.

Missverständnis #1: Facebook wurde gehackt

Bis zu 87 Millionen Benutzer sind laut renommierter Medien betroffen. Auch in Deutschland sollen mehr als 300.000 Benutzer „betroffen“ sein.

Facebook wurde nicht gehackt. Richtig ist, dass es diverse Apps und Spiele gibt, die nur mit einem Facebook-Account nutzbar sind. Jeder einzelne Nutzer kann selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang er diesen Apps Zugang zu seinen in Facebook gespeicherten Daten gewähren will. Jeder Nutzer kann mit einem Blick überprüfen, welche Apps bereits Zugang zum eigenen Facebook-Profil haben und das im Einzelfall ändern bzw. blockieren oder löschen. Hier der Link:

https://www.facebook.com/settings?tab=applications&section=active

Die besondere Aufregung entstand, weil es bis Anfang 2015 möglich war, die Freundesliste freizugeben und die Apps dadurch die Möglichkeit hatten, auch die Facebook-Daten von Freunden auszulesen, sofern diese öffentlich waren. Diesen Zugriff durch Apps auf Daten Dritter hat Facebook jedoch seit mehr als drei Jahren unterbunden. Und auch davor konnten die Apps nur solche Daten sehen, die auch jeder andere sehen konnte, der Zugriff auf das jeweilige Facebook-Profil hatte. Nur öffentliche Daten wurden eingesehen.

Es wurden also keine Daten geklaut oder gehackt. Allerdings wurden öffentliche Daten von Facebook-Nutzern gesammelt. Jedoch lediglich solche Daten, die jeder einzelne Nutzer freiwillig der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Inwieweit das als „Skandal“ zu bezeichnen ist, mag jeder selbst entscheiden.

Missverständnis #2: Wahlen wurden durch Facebook oder Cambridge Analytics manipuliert

Die inzwischen insolvente Firma Cambridge Analytics ist mit Facebook dafür verantwortlich, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl im Jahre 2016 gewann.

Die Wahlen wurden nicht manipuliert. Allenfalls wurden die Meinungen der Wähler beeinflusst oder manipuliert, und das versuchen Politiker und Parteien schon sehr lange.

Es gibt einige sogenannte „Umfragen“, bei denen Facebook-Nutzer Fragen beantworten und dann ein Testergebnis bekommen. Diese Umfragen laufen unter solchen Überschriften:

„Welche Disney-Prinzessin sind Sie?“

„Welche Stadt passt am besten zu Ihnen?“

„Welcher Hollywoodstar könnte Ihr Geschwister sein?“

„Wenn Sie ein Hund wären, welche Rasse hätten Sie?“

Solche Umfragen haben nur einen Zweck: Man will Ihre Antworten nutzen, um Ihnen ein psychologisches Profil zuzuordnen. Sind Sie eher ängstlich oder mutig? Familienmensch oder Eigenbrötler? Konservativ oder progressiv? Inwieweit ein paar Antworten auf einfache Fragen zuverlässig ein psychologisches Profil ergeben können, erscheint fraglich, aber offenbar glauben die Betreiber daran.

Zumindest ist es offenbar denkbar, dass man durch die Antworten bestimmte Botschaften besser auf den Kreis der Empfänger anpassen konnte. Wer für bestimmte politische Meinungen werben will, könnte seine Botschaften variieren. Ein ängstlicher Typ könnte also andere Bilder und Texte erhalten als ein Familienmensch. So könnte die Botschaft in Summe besser die verschiedenen Zielgruppen erreichen.

Ob das geglückt ist, weiß man nicht. Aber selbst wenn, ist es kaum verwerflich, wenn Werbetreibende ihre Botschaften so anpassen, dass sie für die jeweilige Zielgruppe besser funktionieren.

Missverständnis #3: Facebook hat Daten unerlaubt an Cambridge Analytics verkauft

Facebook verdient Geld mit der Weitergabe unserer Daten. Diese Aussage scheint sich zu verfestigen. Aber stimmt das wirklich?

Facebook würde sein eigenes Geschäftsmodell vernichten, wenn es Daten verkaufen würde. Richtig ist, dass es Daten – sozusagen – verleiht. Es ist für Werbetreibende möglich, eine Anzeige an Facebook-Nutzer anzuzeigen, die beispielsweise männlich, über 50 und Oldtimer-Fans sind. Dabei erfährt der Werbetreibende aber nicht die Identität der einzelnen Personen. Er bucht lediglich den Service, diese Werbebotschaft an die genannte Zielgruppe auszuliefern und zahlt dafür.

In dem konkreten Fall mit Cambridge Analytics und dem Wissenschaftler Aleksandr Kogan ist streng genommen sogar Facebook der Geschädigte. Soweit die Fakten bekannt sind, hat es sich so zugetragen:

Aleksandr Kogan wollte für wissenschaftliche Zwecke Daten über Facebook-Benutzer auswerten. Dafür erstellte er eine App mit dem Namen „Thisisyourdigitallife“. Dahinter verbirgt sich ein Psychotest der bereits beschriebenen Art. Angeblich haben knapp 300.000 Menschen daran teilgenommen. Jeder einzelne Teilnehmer hat dafür einzeln und auf besondere Aufforderung seine persönlichen Daten wie Name, Wohnort, Freundesliste etc. explizit freigegeben.

Dieser Test, der 2014 lief und bereits 2015 wieder von Facebook abgeschaltet wurde, lieferte die Daten der freiwilligen Nutzer an den Betreiber Aleksandr Kogan. Dieser hat die Daten angeblich illegal an Cambridge Analytics weiterverkauft, was gemäß den Richtlinien von Facebook nicht gestattet ist. Was man Facebook vorwerfen kann, ist, dass sie diese Weitergabe von Daten damals nicht verhindert haben (falls man solche kriminellen Handlungen überhaupt verhindern kann). In jedem Fall sind seit 2015 ähnliche Vorgänge technisch nicht mehr möglich.

Jetzt wurde bekannt, dass die Freigabe der Freundesliste auch dazu führte, dass die Facebook-Profile dieser insgesamt 87 Millionen Benutzer ebenfalls ausgelesen wurden. Dort allerdings nicht die Psychodaten der Freunde (weil diese ja nicht den Psychotest mitmachten), sondern nur die öffentlichen Daten dieser Personen.

In Deutschland sollen 65 Personen den Test „Thisisyourdigitallife“ mitgemacht haben und deren „bis zu“ 310.000 Kontakte ebenso „betroffen“ sein. In Bezug auf die Wahlen in Deutschland können die Stimmen der 65 Testteilnehmer kaum entscheidend auf die Wahl 2017 eingewirkt haben.

Es bleibt die Frage, ob und wie die 2014 gewonnenen Informationen noch im Jahr 2016 für Wahlwerbung in den USA eingesetzt werden konnten, obwohl die App damals schon keinen Zugang mehr zu Facebook hatte. Diese Sperre gab es wohl auch, weil Facebook rechtliche Schritte wegen der unerlaubt verkauften Daten unternahm.

Es lohnt sich oft, die Fakten zu prüfen und zumindest prinzipiell zu verstehen, was wirklich passiert ist, statt angstgesteuert in Panik zu verfallen.

Missverständnis #4: Anonymität ist besser

Facebook nimmt uns unsere digitale Anonymität und macht uns zu gläsernen Menschen. Das ist ungehörig, weil Facebook mit unseren Daten Geld verdient.

Tatsache ist, dass Facebook nur solche Daten von uns bekommt, die wir auch an Facebook freigeben. Es gibt ja keinen Zwang, bei Facebook einen Account zu haben.

Für viele Menschen ist es eine Verbesserung, wenn sie nur solche Botschaften bekommen, die sie auch sehen wollen. Ich bin beispielsweise Fan von Bundesliga-Fußball und der Champions League. Deshalb leiste ich mir ein Abo von Sky. Allerdings zwingt mich Sky, mir in jeder Halbzeitpause die Werbung von Sportwetten anzusehen. Ich wette nicht. Nie! Und dennoch nötigt mich Sky und deren Werbekunden mit diesen unerwünschten Informationen.

Das ist online besser gelöst. Bei Facebook und ähnlich auch bei Google kann ich mir in jeder kommerziellen Anzeige mit einem Klick auf ein Dropdown-Menü oben rechts in der Anzeige ansehen, wer der Werbetreibende ist und warum ich diese Anzeige angezeigt bekomme. Außerdem kann ich den Werbetreibenden für immer blockieren und/oder meine bei Facebook gespeicherten Interessen so abändern, dass ich ähnliche Anzeigen nicht wieder angeboten bekomme.

Was ist besser? Die unabwendbare Nötigung, z.B. mit Fernsehwerbung oder Zeitungsanzeigen? Was spricht gegen die selbstbestimmte Auswahl von Angeboten, die meinen Interessen entsprechen?

Die Alternative zu Retargeting (so der Fachbegriff für die gezielte Auslieferung von Anzeigen anhand von Daten) ist Werbung mit der Gießkanne, wie wir das seit den 50er Jahren ertragen müssen. Da ist mir datenbasierte Werbung viel sympathischer.

Fazit

Eines ist klar: Facebook mit seinen Töchtern Whatsapp und Instagram hat aufgrund seines Einzugs in unser tägliches Leben längst eine Sonderstellung erreicht. Das Gleiche gilt sicher auch für Google, YouTube, Amazon, Apple, Netflix und Spotify. Diese Konzerne durchdringen unser Verhalten im Internet gezielt und gründlich.

Auch wenn die Algorithmen heute noch keine wirklich exzellenten Ergebnisse liefern, ist klar, dass diese Ergebnisse von Tag zu Tag besser und dadurch wertvoller für die genannten Konzerne werden. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass die Konzerne mit datenbasierten Geschäftsmodellen mehr Offenheit und Klarheit an den Tag legen. Und das ist letztlich auch in deren Interesse, denn wenn sie nicht mehr das Vertrauen der Benutzer genießen, sterben deren Geschäftsmodelle.

Der Dialog mit diesen Unternehmen, die ja im Vergleich zu anderen Konzernen sozusagen noch in der Pubertät stecken, ist notwendig. Datenbasierte Geschäftsmodelle können nur erfolgreich sein, wenn die Benutzer bereitwillig mitmachen. Dazu müssen wir mehr Sachverstand zu den Gegebenheiten bei den Konsumenten schaffen und die Konzerne zu mehr Offenheit bewegen.

 

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